zwischen Mut und Traurigkeit

Neulich las ich einen veganen Post bei facebook:

„once you see the truth this become a very difficult world to live in“ stand da neben einem traurigen Schwein.

Einem Veganer fällt bei solchen Worten ganz kurz seine Last von den Schultern und er nickt erleichtert, weil in diesem schlichten Satz sein ganzes Drama steckt: die Ohnmacht und die Trauer, das Dilemma, Mittäter zu lieben, die Fassungslosigkeit angesichts der Legalität von Gewalt gegen Tiere in unserem Land, das Wissen, auch selber noch auf der Basis von Leid seinen Alltag gestalten zu müssen – diese ganzen Erkenntnisse treffen einen regelmäßig wieder auf’s Neue mitten in den Bauch und man hält kurz geschockt inne, bevor man damit weitermacht, sich zu arrangieren, um funktionieren zu können. Und um etwas verändern zu können. Ja, all das steckt in diesem einfachen Satz und es bedarf keiner weiteren Erklärungen, jedenfalls nicht gegenüber anderen Veganern.

Gleichzeitig fragt man sich, warum Menschen, die nicht vegan leben, also die meisten Menschen, mit denen wir leben, die wir lieben, mit denen wir lachen, tanzen und Probleme wälzen, so überhaupt keinen Zugang zu dieser schlichten Wahrheit finden. Natürlich gibt es dafür alle möglichen psychologischen Erklärungsmodelle, Gott sei Dank, denn sonst wäre die Verzweiflung noch trostloser – doch manchmal ist man einfach auch müde, alles erklären zu wollen oder zu müssen.

Sich selber erklären zu wollen, warum der beste Freund sich wissend daran beteiligt, dass Tiere unerträglich schmerzvolle Leben haben, Bekannten und Liebhabern erklären zu müssen, warum es nicht unter persönliche Vorlieben fallen darf, ob Tiere ausgebeutet werden, Kabarettisten (die man mal geistreich fand), zu erklären, dass absolut nichts Lächerliches an Menschen ist, die es nicht hinnehmen wollen, wenn Schweine und Kühe ihr Leben lang in einem dunklen Stall auf einem Platz fixiert sind, Regierungen erklären zu müssen, warum sie auf die Umsetzung bereits vorhandener Gesetze bestehen müssten und Tierschutz weder ein rechtsfreier Raum sein noch vorübergehend außer Kraft gesetzt werden darf für Übergangsfristen und sonstige wirtschaftliche Befindlichkeiten, Juristen zu erklären, dass die Tötung eines fühlenden Wesens weder aus geschmacklichen noch aus traditionellen Gründen ein vernünftiger Grund ist und Ärzten erklären zu müssen, dass wir hundert werden können, ohne Tiere zu essen.

Und man denkt sich: welchen Teil dieser Wahrheit hast du jetzt nicht verstanden?

Und dann arrangiert man sich doch wieder, geht hinaus in die Welt und erklärt geduldig weiter, wenn man gefragt wird. Denn jedes Leben zählt mehr als meine Resignation, als meine Wut, als meine Trauer. Und langsam aber stetig sehen wir immer mehr Licht auf die Wahrheit und diese nun schwierige Welt fallen, und genauso wie wir selber einst diesen lichten Moment hatten und uns trauten, den Tatsachen ins Auge zu blicken, ereilt dieses Schicksal täglich weitere Menschen, die sich entscheiden, ab sofort in einer für sie selber komplizierteren Welt zu leben.

Und trotz der Last, die die Wahrheit oft mit sich bringt, bedeutet die Entscheidung, vegan zu werden, auch eine Entlastung: sie erleichtert die Menschen um die Illusion, die sie vorher mit sich herumgeschleppt haben, die Last der Ausreden, der Passivität und der Selbsttäuschung ist vorbei und sie erlangen ein Stück mehr Freiheit und Selbstachtung einfach nur dadurch, dass sie nicht mehr das tun, was sie längst als falsch erkannt haben. Somit tauschen wir ein Stück weit auch Schwierigkeiten gegen Klarheit, gedankliche Verstrickungen aus fragwürdigen Rationalisierungen unseres Verhaltens gegen eine ganz neue Einfachheit: Leid zu vermeiden, wo wir können, weil wir jedes Leben achten.

Und wir sind damit erfolgreich. Im Jahr 2017 sind zwar in Deutschland immer noch 745 Millionen Tiere aus niederen Beweggründen gezüchtet und getötet worden – doch sind das 8,1 Millionen weniger gewesen als im Vorjahr.

Dennoch – und da ist er wieder kurz, der Schock: Siebenhundertfünfundvierzig Millionen Tiere in einem Jahr nur in Deutschland. Gestorben für Fleisch, Milch und Eier. Plus geschredderte Küken und bereits vor der Schlachtung zusammengebrochene Milchkühe und Legehennen sowie in dunklen Stallecken verhungerte oder lebendig verfaulende Ferkel, deren Mutter ihnen nicht helfen konnte, weil sie in einem Käfig festliegt. Ja – mit diesen Wahrheiten und mit den daran beteiligten Menschen muss man als Veganer jeden Tag umgehen.

Doch zum Glück gibt es immer mehr mutige Menschen, denen die Vermeidung von Leid wichtiger erscheint als ihre Gewohnheiten oder die Meinung der anderen – denn freiwillig eine solch schwierige Welt zu wählen ist eben auch nichts für Weicheier und Milchbubis.

Der Lohn jedoch folgt schnell: man kann einem Tier (und sich selber) offen und ehrlich in die Augen sehen, ohne sich als Verräter zu fühlen und nebenbei noch dabei zusehen, wie auch der eigene Körper freier, leichter und gesünder wird. Und auf einmal ist die ganze Welt für einen Augenblick schön wegen einer einzigen Milchkuh, die nun das erste Mal in ihrem Leben ihre Milch dafür benutzen darf, ihr Kalb großzuziehen. Und schon allein für diese beiden hat sich alles gelohnt: die Tränen, die schlaflosen Nächte, die Horrorbilder und sogar das geduldige Beantworten sich ständig wiederholender sinnfreier Fragen. Und auch dieser Anblick ist eine Wahrheit, die das Leben und die Welt für immer verändert – die jedoch die Welt einen schönen Moment lang einfacher macht statt schwieriger. Besonders für die Kuh:

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Text: Janine Streif

 


13 Gedanken zu “zwischen Mut und Traurigkeit

    1. Vielen lieben Dank – nein, aufzugeben wird nie eine Option sein, zumal wir ja, wenn wir nicht wollen, noch nicht mal etwas machen müssen – sondern nur etwas lassen. Und wer einmal den Mut hatte, mit ganzem Herzen zu verstehen, was passiert, kann eh nicht mehr zurück.

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